Gesellenbrief ist auch ohne Ausbildung möglich

Nicht nur auf dem Bau unterscheiden sich die Löhne zwischen Helfer und Fachar-beiter deutlich. Wer Berufserfahrung gesammelt hat und bereit ist, mehr zu lernen, kann seine Gesellenprüfung auch ohne Lehre nachholen.

Wer keinen Berufsabschluss hat, kann dennoch den Gesellenbrief bekommen. Wichtigste Voraussetzung dafür ist Berufserfahrung. Wer diesen Weg gehen will, um sein Gehalt und seine Chancen zu verbessern, muss die Theorie nachholen.

Über die sogenannte Externenprüfung ist es in jedem gesetzlich geregelten Ausbildungsberuf möglich, den Gesellenbrief zu erwerben. Je nach Größe des Kammerbezirks melden sich pro Jahr so um 20 Menschen, die die Externenprüfung ablegen möchten. Derzeit ist die Nachfrage besonders hoch und sie steigt stetig. Fünf brechen vor dem Ziel ab, zehn von 20 schaffen die Prüfung, wissen Experten. Besonders stark ist die Nachfrage aus der Baubranche und aus dem Friseurhandwerk. Bei der Praxis hakt es selten, Schwierigkeiten bereiten häufiger die Theorie. Dafür verantwortlich ist der Umstand, dass die klassische duale Ausbildung fachlich breiter aufgestellt ist als der Berufsalltag in vielen Betrieben. Deshalb lernen viele das gesamte Spektrum ihres Berufs erst dann kennen, wenn sie erstmalig die Prüfungsanforderungen in Händen halten.

Rund 50 Prozent kommen durch

Wer als angelernte Kraft den Gesellenbrief ohne Lehre erwerben will, sollte mit einem Beratungsgespräch bei der Handwerkskammer starten. Dort weiß man Antworten auf Fragen wie „Wer kann den Gesellenbrief ohne Ausbildung wie bekommen?“: Interessant ist die Externenprüfung – auch „Ausnahmsweise Zulassung“ genannt – vor allem für Menschen, die schon länger in einem Handwerksberuf tätig sind, aber keine abgeschlossene Ausbildung haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie zum Zeitpunkt, in dem sie sich für die Prüfung anmelden, angestellt sind, selbstständig oder arbeitslos. Die wichtigste Voraussetzung ist eine Beschäftigungszeit von mindestens dem eineinhalbfachen der regulären Ausbildungszeit ihres Berufs vorweisen zu können. Bei einer dreijährigen Lehrzeit sind also mindestens viereinhalb Jahre Berufserfahrung nötig. Dabei werden auch Tätigkeiten im Ausland berücksichtigt.

Erfahrung ist nachzuweisen

Unterschiede zwischen der Externenprüfung und der regulären Gesellenprüfung gibt es nicht. Denn auch dabei wird die Prüfung vom jeweiligen Prüfungsausschuss des Ausbildungsberufes abgenommen. Entweder organisiert die regionale Handwerkskammer die Prüfung oder die jeweils für den Beruf zuständige Innung hat eine Ermächtigung, Gesellenprüfungen abzunehmen. Die Anmeldung erfolgt bei den Handwerkskammern und ist meist – wie die regulären Prüfungen auch – zweimal im Jahr möglich. Für die Sommerprüfung, die als schriftliche Prüfung im Mai und als praktische Prüfung zwischen Juni und August stattfindet, meldet man sich in der Regel bis zum 1. März eines Jahres an. Für die Winterprüfung, die schriftlich im November stattfindet und praktisch von Dezember bis März des nächsten Jahres, meldet man sich bis zum 1. September eines Jahres an. Das kann allerdings je nach Kammerbezirk variieren. „Die Zeit zwischen der Anmeldung und der Prüfung sollte mindestens ein halbes Jahr betragen. Das braucht man zur Vorbereitung“, erklärt eine Ausbildungsberaterin.

Investition zahlt sich schnell aus

Vorlegen muss man Arbeitszeugnisse und Arbeitsbescheinigungen, die die Berufserfahrung belegen – die sogenannten Nachweise der Handlungsfähigkeit. Zudem ist ein Antrag auf die Externenprüfung notwendig, den man bei der Handwerkskammer bekommt. Die Kosten liegen im unteren dreistelligen Bereich, hinzu kommt der Aufwand für das Gesellenstück. Der eine oder andere wird auch Lehrbücher oder anderes Lernmaterial kaufen müssen. Bei der Auswahl helfen gerne die zuständigen Berufsschulen. Der Aufwand kann sich schnell rechnen, denn die Unterschiede zwischen dem Lohn eines Bauhelfers und eines Facharbeiters machen schnell einige Tausend Euro pro Jahr aus. Viele Arbeitgeber fördern auch ihre bisherigen Hilfskräfte gezielt, um künftig mehr Fachkräfte zu haben.

 


Autor:
Volksbank in Ostwestfalen – Bild © standret – adobe stock